Blicke, Fragen, roter Kopf: Reaktionsstress abbauen
Das Kind aus seiner Fixierung holen
Wie du Reaktionsstress abbaust und deinem Kind körperliche Vielfalt echt vermitteln kannst
Gastbeitrag von Suri Steinhoff
Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag und gibt die persönliche Perspektive der Autorin als betroffene Person wieder. Er möchte Eltern ermutigen, alltägliche Begegnungen mit körperlicher Vielfalt offen und selbstverständlich zu begleiten.
Wenn Kinder starren – und Eltern plötzlich nicht wissen, was sie tun sollen
Es gibt diese Momente, die viele Eltern kennen: Das eigene Kind entdeckt eine Person, die anders aussieht, sich anders bewegt oder ein Hilfsmittel nutzt. Plötzlich bleibt es stehen, schaut und weiß vielleicht selbst nicht, wie es das Gesehene einordnen soll.
Und auch für Eltern kann dieser Moment überraschend sein. Man möchte nichts Falsches sagen, niemanden verletzen und gleichzeitig dem eigenen Kind einen guten Umgang mit anderen Menschen vermitteln.
Aber was ist eigentlich eine gute Reaktion?
Suri Steinhoff beschreibt diese Situation aus ihrer Perspektive als betroffene Person und zeigt, warum es hilfreich sein kann, solche Momente nicht einfach zu überspielen.
Blicke, Fragen, roter Kopf
Du stehst an der Kasse oder im Bus, und plötzlich passiert es: Dein Kind entdeckt mich. Einen Menschen, der anders aussieht, anders geht oder Hilfsmittel nutzt. Dein Kind bleibt abrupt stehen, der Blick friert ein und es starrt wortlos.
In diesem Moment sehe ich, wie Eltern der Stress ins Blut schießt. Aus purer Überforderung wählen viele dann den Weg des Aussitzens: In der Hoffnung, dass die Situation schnell vorbeigeht, wird diese für Kinder wichtige Lektion verpasst. „Mein Kind ist doch erst vier, das versteht das noch nicht.“
Das ist zwar menschlich. Niemand möchte etwas Falsches sagen oder die andere Person verletzen.
Aber aus unserer Perspektive als Betroffene führt dieses verständliche Ausweichen jedoch oft zu Verletzung und Abwertung. Wenn Eltern die Situation ignorieren, bleibt das Kind mit seinen Eindrücken alleine – und wir fühlen uns in diesem Moment unwohl, weil das stumme Starren im Raum stehen bleibt.
Dabei wollen sowohl Eltern wie Betroffene im Grunde genau dasselbe: Dass Kinder lernen, wie bunt und vielfältig Individuen sind.
Was ich mir wünsche
Was ich mir wünsche, ist deine Aufmerksamkeit für dein Kind.
Wenn dein Kind stehen bleibt und starrt, merke das bitte. Lass es nicht wortlos gewähren, sondern hole es sanft aus dieser Fixierung heraus. Du musst dafür keine Details über mich, meinen Körper oder meine Geschichte kennen – und du musst mich auch nicht danach fragen.
Es geht vielmehr darum, deinem Kind ganz allgemein zu vermitteln: Körper und Bedürfnisse sind unterschiedlich.
Anstatt auf spezifische Merkmale einzugehen, kannst du das Thema im Gespräch mit deinem Kind auf eine allgemeine Ebene heben. Sag ihm einfach, dass Menschen auf ganz unterschiedliche und einmalige Arten durchs Leben gehen, genau so wie die Menschen in eurer Familie.
Wenn du diesen Moment aufmerksam begleitest, nimmst du die Spannung heraus. Für dein Kind wird Vielfalt so zu etwas völlig Alltäglichem – und für Betroffene wird der Alltag ein Stück weit entspannter, weil wir nicht mehr zu Objekten degradiert werden.
Vielfalt schon heute im Kinderzimmer erleben
Kinder lernen nicht nur durch Erklärungen. Sie lernen auch durch Geschichten, Bilder und Figuren, denen sie begegnen.
Kinderbücher können dabei helfen, unterschiedliche Menschen und Lebensrealitäten ganz selbstverständlich sichtbar zu machen. Wenn Vielfalt in Geschichten vorkommt, muss sie nicht immer das große Thema der Geschichte sein. Sie darf einfach Teil der Welt sein, in der sich ein Kind bewegt.
Auch bei Tigsto möchten wir Geschichten schaffen, die Kinder zum Zuhören, Fragenstellen, Entdecken und Mitfühlen einladen. Geschichten können einen geschützten Raum schaffen, in dem Kinder verschiedene Charaktere kennenlernen und erleben, dass Menschen unterschiedlich sind.
Gerade für Kinder zwischen 3 und 7 Jahren können solche Geschichten ein schöner Ausgangspunkt für Gespräche sein:
Warum sieht dieser Mensch anders aus?
Warum braucht jemand einen Rollstuhl?
Warum bewegt sich jemand anders?
Sind wir nicht alle ein bisschen verschieden?
Dabei muss nicht jede Frage sofort perfekt beantwortet werden. Oft ist es viel wichtiger, die Frage des Kindes ernst zu nehmen und gemeinsam darüber nachzudenken.
Vielfalt darf selbstverständlich sein
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Gastbeitrags:
Kinder müssen nicht erst lernen, dass Menschen verschieden sind. Sie erleben es jeden Tag.
Wir können ihnen helfen, diese Unterschiede wahrzunehmen, ohne daraus etwas Fremdes oder Unangenehmes zu machen.
Und wir können ihnen zeigen, dass Vielfalt ganz selbstverständlich zu unserer Welt gehört.
Über die Autorin
Suri Steinhoff
Suri Steinhoff schreibt aus der Perspektive einer betroffenen Person über körperliche Vielfalt, Begegnungen im Alltag und darüber, wie Eltern ihre Kinder offen und selbstverständlich für unterschiedliche Lebensrealitäten sensibilisieren können.
Gastbeitrag für Tigsto